Prolog
Die erste Seite
Leseproben
Donnerstag
Offene Stellen
Paradise to go
Meer
Frauengeschichten
Einfache Sprache
Die Autorin
Aktuelles
Kontakt & Impressum
Sitemap
Lesungsanfragen

Aus "Offene Stellen", gelesen 2013, Jahreslesung des Autorenforum Berlin e.V. 

Offene Stellen

„Schlimmer geht´s immer“ pflegte meine Großmutter mir statt aufmunternden Worten entgegen zu schleudern, wenn ich mal wieder über juckende Verbände jammerte. Ohne zu zögern hätte ich meinen Kinderkörper gegen ihre alten Knochen getauscht. Ihre Worte scheuerten fast mehr, als die Gaze auf der rohen Haut. Mit ungeduldigen Strichen cremte sie an mir herum und nahm jede neu auftauchende Wundstelle als persönlichen Affront auf, mit dem ich sie zu provozieren suchte. Ich hätte mir das Jammern gerne abgewöhnt, aber es tat weh und mit meinem Quengeln quälte ich meinerseits die Großmutter. Wir befanden uns in einer Pattsituation. Jucken, Kratzen, Cremen, Quengeln. Das war unser Spiel morgens und abends und wir beide hassten es.

Ich hasste die Großmutter. Die Großmutter hasste mich. 

(...)

Meine erste Kindheitserinnerung ist das Hecheln des Hundes direkt über meinem Gesicht. Der Geruch der Fleischreste, die zwischen seinen Zähnen hingen und ein Speichelfaden, der sich zäh und ohne zu reißen auf meinen Mundwinkel herabzog. Ich war starr vor Angst, denn üblicherweise war der Hund im Zwinger, bis Großvater vom Bau kam und die Runde mit ihm machte. In meiner Erinnerung vermischen sich die Prügel, die der Hund und ich von der Großmutter bekamen. Bei mir nur auf die guten Stellen, Großmutter wollte schließlich nicht noch mehr cremen müssen als ohnehin, der Hund kriegte es überall ab.

(...)